Entspannung in der Hundeerziehung

Wer hätte ihn nicht gern, den immer sozialverträglichen Hund, der immer und überall mit dabei sein mag und tiefenentspannt im Café unterm Tisch liegt? Der sich selbst dann nicht aus der Entspannung bringen lässt, wenn um ihn herum Kinder oder andere Hunde toben und den man mit einem Fingerschnippen in diesen Zustand bekommt. Ein Traum für jeden Hundemenschen. Leider ist die Realität allerdings oft eine andere.

Impulsivität und Reaktivität – eine Herausforderung für jeden Hundehalter

Hibbelige Hunde, die nicht still sitzen oder liegen können und Hunde, die wie von Sinnen in die Leine springen und bellen wie verrückt, sind längst zum Alltag vieler Hundehalter/innen geworden. Und Entspannung ist für viele dieser Hundehalter/innen ein scheinbar unerreichbares Ziel. Etwas, dass ich aus meinem Alltag mit zwei besonderen Hunden übrigens auch sehr gut kenne.

Und als wäre der Umgang mit einem solchen Hibbelhund nicht schon anspruchsvoll und anstrengend genug, muss man sich als Hundemensch dann auch noch mit diesen Tipps und Kommentaren rumschlagen, die nun wirklich niemand braucht und die oftmals auch noch schlicht falsch sind. Im Folgenden mal ein paar Klassiker dazu.

„Der muss mal ordentlich ausgelastet werden, dann hört das schon auf!“

Ähm, nein! Das Problem dieser Hunde ist, so meine Erfahrung, in der Regel nicht, dass sie zu wenig Beschäftigung bekommen, sondern oft zu viel und auf falsche Art. Wer Entspannung leben soll, muss auch die Gelegenheit und die richtigen Rahmenbedingungen dazu bekommen.

Natürlich sollte ein Hund ausreichende Möglichkeiten haben, sich mal so richtig auszutoben. Und auch die geistige Beschäftigung sollte bei einen impulsiven oder reaktiven Hund auf keinen Fall zu kurz kommen. Aber hier gilt wie immer: Klasse statt Masse!

Es geht nicht darum, den Hund stundenlang über eine Wiese toben zu lassen, bis er völlig erschöpft zusammenbricht und dann schläft. Dann ist er in der Regel nämlich nicht entspannt, sondern erschöpft. Den Unterschied zu beachten, ist besonders wichtig. Denn andauernde Erschöpfung und der damit verbundene Stress kann langfristig das Nervensystem des Hundes überlasten und dann zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen.

Exkurs:

Symptome von zu viel Stress können zum Beispiel sein:

Durchfall, Gewichtsverlust, Schuppung der Haut, Fellverlust, Abmagerung, Verhaltensauffälligkeiten wie starkes Belecken, Knabbern oder Kratzen uvm.

Ein ausgewogenes Verhältnis von Ruhephasen, Spiel und Training kann dazu beitragen, dass der Hund ruhiger und entspannter wird. Vorraussetzung ist allerdings, dass sowohl das Spiel als auch das Training so gestaltet ist, dass einer anschließenden Entspannung nichts im Weg steht. Fachkundige Unterstützung in Anspruch zu nehmen, kann dabei hilfreich sein.

„Der braucht mal ein bisschen Erziehung!“

Auch wenn diese Aussage zum Teil zutreffend ist, gehört sie in den Bereich der Aussagen, die man besser für sich behalten sollte. Beinhaltet sie doch, genau wie alle anderen Kommentare dieser Art, den stillen Vorwurf, der Hundemensch würde sich nicht ausreichend anstrengen das Problem in den Griff zu bekommen oder schlimmer noch, er sei nicht willens oder fähig das zu tun.

In den meisten Fällen hat die fehlende Fähigkeit zur Entspannung dieser Hunde nur sekundär mit der Erziehung zu tun. Die Ursachen für Impulsivität, Reaktivität und Nervosität können so individuell und unterschiedlich sein, dass der Ansatz über Erziehung in den meisten Fällen nicht ausreichend ist, um den Hund in die Ruhe zu bekommen.

Pubertät, Läufigkeit, Stress durch äußere Faktoren, Krankheit, Hormone, sozialer Stress oder auch die individuelle Sensibilität der jeweiligen Hunde können, neben vielen anderen Faktoren, Auslöser für das aufgeregte Verhalten sein. Sie sollten keinesfalls unberücksichtigt bleiben, da sie eine wirkliche Entspannung des Hundes verhindern können.

Mehr zum Thema Erziehung:

Wenn Du übrigens wissen möchtest, was ich über das Thema gut erzogene Hunde denke, kannst Du das hier nachlesen.

Erziehung, Hundetraining
„Du musst doch nur entspannt bleiben, dann entspannt dein Hund auch!“

Auch wenn es in einer stressigen Situation natürlich das ist, was sich viele Hundemenschen wünschen würden, ist die Umsetzung dieses „Tipps“ – wenn man es denn überhaupt so nennen kann – für die meisten Menschen zunächst einmal schlicht unmöglich.

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann es ganz schön schwierig sein, quasi auf Kommando in die Entspannung zu kommen. Dazu braucht es viel Übung. Und vor allem eine Anleitung und eine Technik, die für den jeweiligen Menschen geeignet ist. Denn genau wie im Hundetraining gibt es nicht die eine Methode, die dabei für alle funktioniert.

Das Problem mit der Stimmungsübertragung

Das Konzept, dass dem „entspannter Mensch = entspannter Hund-Mythos“ zugrundeliegt, ist das der Stimmungsübertragung. Also die entspannte Stimmung des Menschen soll sich dabei auf den Hund übertragen, der dann über Koregulation ebenfalls entspannen kann.

Selbstregulation vs. Koregulation:

Bei der Selbstregulation kann ein Individuum seinen emotionalen Zustand allein regulieren. Koregulation findet statt, wenn andere Individuen (z.B. Bezugspersonen) dabei helfen den emotionalen Zustand zu regulieren.

Koregulation kann zwischen allen Lebewesen, die über die Fähigkeit zur Empathie verfügen stattfinden. So auch zwischen Mensch & Hund.

Dazu sollte man wissen, dass Stimmungsübertragung aber nicht nur in eine Richtung und in der Regel auch völlig unbewusst stattfindet. Es kann also zum Beispiel auch sein, dass sich die aufgeregte Stimmung des Hundes auf den Menschen überträgt. Und je nach aktueller emotionaler Verfassung des Menschen, kann sich eine Stressspirale entwickeln, die das aufgeregte Verhalten des Hundes verstärkt.

„Du musst doch nur …“

… ist übrigens einer dieser Satzanfänge, die bei mir direkt den Puls hoch jagen – und da geht es wahrscheinlich vielen Menschen so. Beginnt ein Satz mit „Du musst …“, rückt der Zustand der Entspannung meist ganz schnell in weite Ferne.

Gerade, wenn wir über Entspannung sprechen und diese für das Training mit dem Hund nutzen möchten, ist ein „Du musst …“ oder ein „Der Hund muss …“ ein absolutes Tabu. Unter Druck oder Zwang, lässt sich nunmal kein entspannter Zustand etablieren. Zeit, Geduld und Freiwilligkeit auf Seiten des Menschen und des Hundes sind hierbei die entscheidenden Faktoren.

Respekt, Achtsamkeit und Verständnis

Auch, wenn diese impulsiven Hibbelhunde grundsätzlich gut von einem gezielten Entspannungstraining profitieren können, gehe ich an dieses Thema mit meinen Hundemenschen dennoch eher vorsichtig und mit großem Respekt an.

Wenn der eigene Hund randalierend in der Leine hängt, wie ein Verrückter über Tische und Bänke springt oder sich die Seele aus dem Leib bellt, ist entspannt bleiben aus vielen unterschiedlichen Gründen kaum möglich. Aber es sind eigentlich genau diese Gründe, auf die wir besonders achten müssen und wegen denen ein unbedachter Kommentar wie „Du musst doch nur entspannt bleiben.“ sehr verletzend sein kann.

Angst – das eigentliche Problem hinter dem Problem

Wenn ich mit Menschen, die einen sehr reaktiven oder impulsiven Hund haben arbeite, stellt sich zunächst immer die Frage, ob das Verhalten des Hundes für den Menschen ein Problem darstellen würde, wenn es niemand sonst mitbekäme. Und in der Regel ist die Antwort auf diese Frage ein Nein.

Das was die Menschen nämlich davon abhält, entspannt und gelassen mit dem Verhalten ihres Hundes umzugehen, ist in der Regel eine Angst. Dessen sind sich die Menschen meist gar nicht bewusst und wenn das Kundengespräch dann in diese Richtung geht und dem Menschen dann seine Befürchtungen und Ängste bewusst werden, fließen nicht selten ein paar Tränen.

Das Problemverhalten des Hundes ist den meisten Menschen zunächst einmal unglaublich peinlich. Sie haben Angst dafür abgewertet oder angegriffen zu werden. Was durch Kommentare wie die oben genannten ja auch sehr häufig passiert. Und oft hat sich im Verlauf des Verhaltens des Hundes ein Gefühl von persönlichem Versagen eingestellt, da betroffene Hundehalter/innen dies von der Umwelt ja auch häufig gespiegelt bekommen.

Aber auch die Angst, seinem Hund nicht gerecht zu werden, zu versagen, dass der Hund jemanden verletzen könnte oder die Sorge, dem Hund nicht genug Unterstützung geben zu können, spielen im Zusammenhang mit impulsivem Verhalten von Hunden oft eine große Rolle.

Ideale sind das Schönste und Größte und Wertvollste im Leben – außer wenn wir versuchen, danach zu leben.

Charlie Chaplin

Der menschliche Faktor

Natürlich ist es für einen Hund immer leichter, wenn sein Mensch die Ausgeglichenheit in Person ist und durch nichts zu erschüttern ist. Jemand der immer souverän auftritt und quasi nebenbei die Richtung für den Hund vorgibt.

Aber sind wir mal ehrlich, wer kann das schon von sich behaupten?

Im Telefonat mit einer neuen Kundin, sagte sie zu mir „Ja ich weiß ja, dass ich das Problem bin, das haben die anderen Hundetrainer auch schon gesagt.“ Also mal abgesehen davon, dass so ziemlich alles an dieser Aussage falsch ist, hat mich das sehr berührt.

Zum einen, weil mir vor einigen Jahren von vermeintlich Fachleuten ähnliches gesagt wurde und mir sogar unterstellt wurde, mein Hund hätte diese Probleme, weil er keine Bindung zu mir hat. Das hat mich damals sehr getroffen, denn das war eine wirklich fiese Aussage, die dann übrigens auch noch falsch war. Mein Problem mit Leo war zeitweise ein zu enge Bindung – aber das ist ein anderes Thema.

Und zum anderen deshalb, weil der Kundin das Gefühl vermittelt wurde, sie sei ein Problem für ihren Hund. Den sie im übrigen sehr liebt und für den sie nahezu alles Menschenmögliche tun würde, damit es ihm gut geht.

Konzept des guten Grundes

Jede Angst und jede Befürchtung, die Menschen im Zusammenhang mit dem Problemverhalten ihrer Hibbelhunde haben, hat für die betroffene Person erstmal einen guten und logischen Grund! Völlig unabhängig davon, ob sie aus Sicht einer anderen Person angemessen oder nötig ist.

Darüberhinaus hat auch jedes Verhalten, dass ein Hund zeigt erstmal einen, aus seiner Sicht völlig logischen Grund! Und auch dabei ist es absolut irrelevant, ob wir anderer Meinung sind.

Damit ein Trainingsansatz, ob er nun mit Stimmungsübertragung arbeitet oder nicht, überhaupt zum Erfolg führen kann, gilt es das erst einmal zu verstehen und zu akzeptieren.

Bewusste Stimmungsübertragung funktioniert nicht für jeden – das ist nunmal so

Ich habe den Versuch, Leo über Stimmungsübertragung dazuzubringen sich in schwierigen Situationen zu beruhigen, vor langer Zeit aufgegeben. Ich dachte, ich sei einfach nicht der Typ für Entspannung. Und lange Zeit war das auch so, denn allein der Gedanke eine Entspannungsübung zu machen, hat mich enorm unter Stress gesetzt.

Meine Abneigung gegen Entspannungsübungen hatte viele Gründe. Die meisten hatten mit einer viel zu hohen Erwartungshaltung zu tun, Entspannung mit Leistungsdruck funktioniert einfach nicht. Dass ich für sehr lange Zeit kein Gefühl dafür hatte, was für mich eigentlich gut ist war dabei ein weiterer Grund. Ich dachte immer, wenn alle sagen, dass funktioniert, dann muss das bei mir auch helfen und dass es nicht so war, habe ich, ebenso wie einige meiner Hundemenschen zunächst als persönliches Versagen empfunden.

Glücklicherweise ist das heute anders. Die Erfahrungen, die ich im Laufe der Zeit mit dem Thema Entspannungstraining machen durfte, helfen mir sehr zu verstehen, wie schwierig – ja fast unmöglich – das für viele Menschen ist und warum das Ideal, Vorbild für den Hund zu sein oft unerreichbar scheint.

Wege in die Entspannung

Zum Glück gibt es in der Welt der Entspannungstechniken eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten, von denen viele auch sehr gut im Hundetraining angewandt werden können.

Eine meiner persönlichen Lieblingstechnik ist die Meditation. Der Vorteil dabei ist, dass der Mensch mit seinem Fokus ganz bei sich ist und der Hund völlig freiwillig entscheiden kann, ob er mit in die Ruhe geht oder nicht. Die Erfahrungen der letzten Enstpannungs-Workshops für Mensch & Hund haben gezeigt, dass die meisten Hunde dabei am besten mitentspannen können.

Workshop Entspannung für Mensch & Hund, Mai 2022

Während Frauchen in eine geführte Entspannungsreise macht, kuschelt Balou sich in seine Decke.

Entspannter geht es nicht 🙂

Der Hund bestimmt die Technik und das Tempo – immer!

Egal wie gut wir eine Entspannungstechnik finden oder wie gern wir sie nutzen würden, wenn der Hund sie nicht mag, hilft kein Training. Dabei ist es völlig egal, ob wir über olfaktorische, akustische oder taktile Signale arbeiten oder ob wir eine Übung mit Körperkontakt machen. Wenn der Hund sich unwohl fühlt, wird sich niemals Entspannung einstellen.

Aber – und das ist gut zu wissen – es findet sich in der Regel für jedes Mensch-Hund-Team eine passende Technik. Wichtig ist, dass sich der Mensch die Zeit nimmt, die sein Hund braucht um sich darauf einzulassen. Gerade mit einem Hibbelhund kann der Erfolg ein bisschen auf sich warten lassen.

Es lohnt sich dran zu bleiben. Eine Erkenntnis, die ich Leo zu verdanken habe, der seit Neuestem völlig überraschend Körperkontakt zu mir sucht, wenn er gestresst ist. Und ähnlich wie bei den beiden auf dem Bild, schafft er es mittlerweile sich von mir in die Entspannung streicheln zu lassen.

Bei Leo stimmt es, bin ich entspannt, ist er es auch. Das war eine Mammutaufgabe aus vielen kleinen Schritten, Stolpersteinen und viel Geduld. Und um an dieser Stelle mal einen sehr lieben und guten Freund zu zitieren:

„Jeder noch so kleine Schritt ist riesig.“

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